Industrie 4.0

Industrie 4.0 revolutioniert alle Branchen

Die Digitalisierung greift mittlerweile in vielen Bereichen. Jetzt hält die vierte industrielle Revolution, kurz Industrie 4.0, Einzug in unseren Alltag. Doch die Auswirkungen auf unterschiedliche Branchen sind vielfältig und liegen nicht immer auf der Hand.

In Österreich sollen zum Beispiel künftig mehr digitale Materialien wie E-Books und Tablets an den Schulen genutzt werden. Ein Professor der Hochschule Osnabrück entwickelte gemeinsam mit seinen Studenten Feldroboter, die selbstständig Unkraut erkennen und jäten. Und der deutsche Bundesrat segnete vor kurzem ein Gesetz ab, das selbstfahrende Autos ermöglicht.

Industrie 4.0: Alles ist Software

Mit neuen Technologien, neuen Anforderungen an Mitarbeiter, neuen Geschäftsmodellen und neuen Erwartungen der Kunden verändert die Industrie 4.0 tatsächlich jede Branche. Jede Firma wandelt sich durch die Digitalisierung in ein Software- und Analytics-Unternehmen. (Uber ist im Grunde genommen nur Software. Die Firma besitzt keine Autos und hat kaum Mitarbeiter. Trotzdem ist sie auf dem Weg zum weltweit größten Logistikunternehmen).

Bitcoin ist nur eine Software namens Cryptocurrency. Geld wird bald nur noch in Form von Software existieren – zum großen Teil ist das bereits Realität.

2001 schrieb ich in meinem Buch eBusiness or Out of Business: „Wer die Software aus dem Unternehmen verbannt, verbannt die Realität.“ Software ist also der Schlüssel zur Zukunft. Doch wie werden sich die verschiedenen Branchen in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren verändern?

Finanzdienstleistungen und Banken

Smartphones ersetzen künftig Brieftasche und Bargeld. Kontoeröffnungen, Kredite und Überweisungen werden in Sekundenbruchteilen verarbeitet. 1990 war der Mensch für 90 Prozent des NASDAQ-Umsatzes verantwortlich. 2025 erwirtschaften Maschinen 95 Prozent des NASDAQ-Volumens.

Einige wenige Firmen für algorithmischen Handel wickeln den Großteil der Aktiengeschäfte ab. Im Endeffekt ist es ein Nullsummenspiel: Wer den leistungsfähigsten Computer hat, gewinnt.

Automobilbranche

Selbstfahrende Autos werden zum Standard. Sie bestellen den Wagen über Ihr Smartphone. Dieser bringen Sie zum gewünschten Ziel. Sie zahlen nur für die zurückgelegte Distanz. Und können während der Fahrt arbeiten. Benötigen unsere Kinder mit solchen selbstfahrenden Autos noch einen Führerschein? Das Stadtbild verändert sich. Städte werden sicherer, wenn die Zahl der Autos (und Unfälle) auf den Straßen deutlich abnimmt.

Das rettet jährlich Millionen Leben. Die Fortschritte von Tesla, Google und Apple im Bereich fahrerlose und Elektro-Autos sorgen bereits jetzt für Kopfzerbrechen bei der Konkurrenz. Die traditionellen Automobilhersteller von heute verschwinden vom Markt. Mehr als 150 Millionen Zeilen Programmcode werden die Autos steuern – mehr als Google Chrome, der Curiosity-Mars-Rover oder ein F-22-Raptor heute erfordern. Hatte ich erwähnt, dass es sich um Elektrofahrzeuge handelt?

Versicherungen

Direkte Beziehungen zwischen Kunden und Versicherungen ersetzen alternde Versicherungsmakler, weil Versicherungen vermehrt auf Franchise setzen. Datenverarbeitungsunternehmen mit digitalen Profilen einer Person oder eine Sache machen Anträge oder von Kunden gelieferte Informationen überflüssig.

Algorithmen analysieren in riesigen Serverfarmen umgehend Risikoprofile, nötige Unterschriften und die erforderliche Prämienhöhe jeder einzelnen Police. Die Unfallzahlen schrumpfen, je autonomer die Autos agieren. Der Markt für KFZ-Versicherungen verschwindet.

Für unvorbereitete Versicherer kommt schnell der Tag des „digitalen Jüngsten Gerichts“, wenn extreme Rechenleistung, Onlinedaten und mobile Nutzung die kritische Masse erreichen. Wer eine Person oder Sache (oder deren digitales Profil) kennt, kennt das Risiko.

Agrarindustrie

Auftritt der Agrar- oder Feldroboter. Feldroboter bringen Vorteile und Effizienzsteigerung für die Landwirtschaft. Schwere körperliche Arbeiten entfallen. Je billiger die Agrarroboter werden, desto weniger arbeiten Landwirte selbst auf ihren Feldern – sie werden zu „Feld-Managern“.

In vieler Hinsicht ist dies aber noch analoges Denken. Künftig haben wir vielleicht nicht einmal mehr Höfe mit Nutztierhaltung. Landwirtschaftliche Roboter verändern die Welt und die Zukunft der Nahrungsmittelproduktion, indem sie die Bodenbewirtschaftung optimieren und uns unabhängig von Nutztieren machen.

Etwa 60 Prozent aller landwirtschaftlichen Nutzflächen werden für die Rindfleischproduktion genutzt. Für ein Pfund Rindfleisch benötigt eine Kuh rund 0,8 Hektar Land und fast 1.670 Liter Wasser. Die von dieser Kuh pro Jahr erzeugte Menge Methangas entspricht etwa vier Tonnen CO2 , ein erheblicher Anteil der weltweiten Treibhausgasemission.

Innovative Ansätze wie Fleischersatz aus Insektenprotein oder im Labor gezüchtetes (synthetisches) Fleisch mit dem Geschmack des teuersten Kobe-Rindfleischs reduzieren den Rindfleischbedarf. Sind Sie bereit für den Braten aus der Petrischale?

Industrie 4.0 in der Rechtsbranche

Die Arbeitslosenrate unter Juristen ist in den USA auf Rekordniveau. Einst ein Abschluss mit Jobgarantie werden nun 80 Prozent der Aufgaben von Supercomputern erledigt. Innerhalb von Sekunden geben Rechner zu 90 Prozent korrekte Rechtsauskünfte. Menschliche Juristen liegen nur zu 75 Prozent richtig. Vielleicht bleibt dennoch ein Bedarf für menschliche Spezialjuristen bestehen.

Einzelhandel

Ich vergleiche die Transformation dieser Branche gerne mit einem Eisberg: 20 Prozent sind sichtbar, 80 Prozent finden „unter Wasser“ statt. An der Oberfläche muss gearbeitet werden.

Dazu gehören extreme Automatisierung, Kundenzentrierung, Omni-Channel-Erlebnisse, Expresslieferungen und technische Erweiterungen für jede Sportart und jedes Alter (von Mannschaftsplanung über Fantasiesportarten bis zur Analyse des Golfschwungs).

3D-Druck wird zur revolutionierenden Technologie für den Einzelhandel. Aus hochauflösenden Scans werden maßgeschneiderte Produkte. Eine chinesische Firma verkauft heute schon Häuser aus dem 3D-Drucker. Pro Tag können zehn Häuser zum Preis von jeweils rund 4.500 Euro (Englisch) gedruckt werden.

Ist die Transformation von Rohmaterialien, Lieferanten, Supply Chains, Distribution und Logistik einmal abgeschlossen, entstehen individuelle Hochleistungsprodukte für den Kunden – vom Laufschuh bis zum Eigenheim.

Energiebranche

Erneuerbare Energien sind auf der Überholspur. Strom wird grün und billig. Heute werden mehr Solarenergiesysteme installiert, als Systeme für fossile Brennstoffe. Der Preis für Solarenergie wird so stark fallen, dass Kohlekraftwerke aus dem Markt gedrängt werden.

Seit 2014 wird in Ontario, Kanada, keine Kohle mehr abgebaut (Englisch). Billiger Strom führt zu billigen Transportsystemen und mehr als genug sauberem Wasser. Der Durchschnittskonsument kann jährlich bis zu 1.800 Euro einsparen (Englisch).

Trinkwassergewinnung über Entsalzungsanlagen kostet dann weniger als der jährliche Strom für Ihren Toaster. Nicht Wasser ist knapp, sondern Trinkwasser. Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Trinkwasser im Überfluss vorhanden ist.

Industrie 4.0 im Gesundheitswesen

Big Data schafft Heilmittel für Krebs und wandelt klinische Spezialgebiete in weltweit verfügbare Aufzeichnungen. Nanotechnologie revolutioniert Arzneimittelabgaben und gezielte Therapien. Das Cyberknife ist weit verbreitet.

Durch Genome Editing können Mutationen eliminiert und „Supermenschen“ geschaffen werden. 3D-Druck macht Prothesen erschwinglich und für jeden verfügbar. Die Lebenserwartung liegt heute bei mehr als 80 Jahren. Schon bald könnten wir alle 100 Jahre alt werden.

Bildung

Wenn vernetzte Endgeräte allgegenwärtig sind, erhalten unsere Kinder einen besseren Zugang zu Bildung als je zuvor. Sie müssen dafür nicht einmal das Haus verlassen. Bildung wird demokratisiert, auch wenn Terroristen oder Regimes damit drohen, den Zugang zu Bildung besonders für junge Frauen zu kontrollieren oder zu beschränken.

Das Geschlecht ist kein Hindernis mehr für den Zugang zu Bildung. Gut ausgebildete junge Frauen werden zu gut ausgebildeten Müttern, die künftigen Generationen den Zugang zur Bildung sichern.

Zum Weiterlesen können Sie The Golden Age of Innovation (Englisch) hier herunterladen.

Einen weiteren Artikel zum Thema Industrie 4.0 finden Sie in meinem Blog.

Dieses Thema begleitet mich auch zur Enterprise World, die Informationen dazu finden Sie hier (Englisch).

Ich würde mich über einen Gedankenaustausch freuen. Hinterlassen Sie mir doch unten einen Kommentar, wenn Sie Feedback geben oder mir ein Thema für diese Serie vorschlagen wollen.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Über Mark Barrenechea

Mark Barrenechea
Mark J. Barrenechea, Chief Executive Officer und Chief Technology Officer von OpenText, ist ein anerkannter und branchenerfahrener Vordenker im Bereich Informationstechnologien. Er hat das erklärte Ziel, Organisationen bei ihrer Transformation zum digitalen Unternehmen zu unterstützen.