Das digitale Ich

Wie transparent sind wir als Person geworden? Welche Datenspuren hinterlassen wir bei fast jeder unserer Aktionen? Und was genau passiert mit all diesen Daten? Sie werden analysiert: Big Data Analyse (Englisch) extrahieren, kombinieren und analysieren relevante Inhalte aus großen Datenmengen unterschiedlichster Formate und Quellen und aller anderen digitalen Spuren, die wir hinterlassen.

So wie unsere analoge Vorstellung von unserem Ich (Fleisch und Blut) aus RNA und DNA besteht, besteht unsere digitale Sequenz – nennen wir sie das „digitale Ich“ – aus Code. Jeden Tag erzeugen wir eine große Menge an Datenspuren, die wesentliche Attribute von Kodierung, Dekodierung und Erbfaktoren (oder unseres „Ich“) enthalten. Wir tun dies bewusst und explizit, aber auch unbewusst und indirekt.

Ist Big Data Analyse Science Fiction oder bereits Realität?

Betrachten Sie doch einmal Ihr tägliches Verhalten, das dauerhaft im „digitalen Land“ gespeichert wird: Sie durchsuchen das Web, lesen eBooks, sehen Filme, posten Videos, nutzen Twitter, legen Freundeslisten an, bestellen Lebensmittel und führen Online-Transaktionen durch.

Milliarden von uns haben tatsächlich schon unsere eigene Definition des digitalen Ich in verschiedenen sozialen Netzwerke (Name, Adresse, Alter, Familienstand, Ausbildung, Beschäftigung, Freunde, Vorlieben, Abneigungen, politische Ansichten, usw.) veröffentlicht.

Wir teilen diese Informationen freiwillig! Und nun stellen Sie sich vor, Verhaltensmuster zu teilen, Bewegungsprofile über Wearable Technology, Updates zu Ihrer Patientenakte und Kontobewegungen, Fahrinformationen, Kaufhistorien und so weiter. Es ist bereits alles da: eine komplette Aufzeichnung Ihrer digitalen RNA, DNA und Verhaltensweisen: dauerhaft offengelegte Wahrheiten, eine digitale Brotkrume nach der anderen, hochgeladen in die Cloud. Klingt himmlisch.

Nun füttern Sie einen Computer mit all diesen Informationen, jede Minute, jeden Tag. Mit einer Big Data Analyse lassen Sie einen Algorithmus über diese Daten laufen und schon wird eine digitale Sequenz von Ihnen erstellt. Vielleicht werden ja auch mehrere Sequenzen erstellt.

Sie könnten ein CRISPR (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) nutzen und plötzlich haben Sie eine super-digitale Sequenz von sich selbst. Dann speisen Sie das Ganze in eine künstliche Intelligenz oder Lernmaschine und plötzlich wird Ihr digitales Selbst durch eine Big Data Analyse „lebendig“.

Ein Freund erhielt kürzlich einen Anruf von seiner Enkelin, die ins Gefängnis gebracht worden war. In den USA steht einer ins Gefängnis verbrachten Person jeweils ein Anruf zu, aber die Eltern konnte die Enkelin nicht um Hilfe bitten. Um die verlangte Kaution hinterlegen zu können und freigelassen zu werden, benötigte sie eine elektronische Überweisung in Höhe von 2.500 US Dollar.

Der Freund übermittelte diese Summe wie erbeten. Es stellte sich jedoch heraus, dass dieser Anruf ein Betrug war. Ein schlechter Schauspieler benutzte das digitale Ich der Enkelin, das Geld auf digitalem Weg zu stehlen. Also eine neue, digitale Form des „Enkeltricks“?

Was bedeutet dies nun für die einzelne Person, für die Wirtschaft, für Regierungen und die Gesellschaft?

Wenn wir die Idee des digitalen Ich bewerten, dann sind die gesellschaftlichen, geistigen und religiösen Auswirkungen für die jeweilige Person tiefgreifend. Das digitale Ich lebt weiter, sammelt immer mehr Wissen und ist an allen Orten gleichzeitig. Um aus dem Film Lucy zu zitieren: „Ich bin überall.“ Wir alle werden zu Brahma (der Schöpfer) und zu Shiva (der Zerstörer).

Und wo werden sonst noch Big Data Analysen genutzt?

Facebook kauft Daten, um die Profile ihrer „fast 2 Milliarden Abonnenten“ zu ergänzen und vervollständigt also das digitale Ich ohne die ausdrückliche Zustimmung der Nutzer.

Im geschäftlichen Bereich wird das digitale Ich genutzt, um maßgeschneiderte Anzeigen zu liefern, bessere Empfehlungen zu geben, Kaufentscheidungen zu beeinflussen und Risiken zu reduzieren. Konsumgüterunternehmen wissen genau, was Sie brauchen, noch bevor Sie wissen, dass sie es brauchen. Ein perfekter und beharrlicher persönlicher Assistent.

Die Regierungen sind dazu verpflichtet, die Rechte unseres digitalen Ich zu schützen. Wird das digitale Ich nun selbst zu einem Unternehmen und damit neuer Gesellschafter in der Definition eines „Corporate Self“?

Letztlich müssen wir uns auf dieses neue digitale Land, die Digerati, einlassen, also Opt-in. Gleichzeitig aber verlassen wir das zweidimensionale Land der Ludditen. Für diejenigen, die sich dagegen entscheiden, stellt sich die Frage, ob sie noch in dieser Gesellschaft funktionieren können oder eine neue Superkultur oder Subkultur bilden.

In der britischen Fernsehserie Black Mirror gibt es eine Episode über ein digitales Ich, das geschaffen, gefangen und ausgebeutet wird. Es ist eine moderne Grauzone mit scharfen Untertönen einer anzunehmenden und entstehenden Realität.

Von der Big Data Analyse zu „Big Brother“?

„Big Brother“ ist in Shanghai mit der Einführung der App Honest Shanghai bereits Realität geworden. In dem Bestreben, Shanghai zu einer globale City of Excellence zu machen, nutzt die Regierung Apps wie Honest Shanghai und belohnt die Einwohner für Ehrlichkeit, Moral und Integrität. Diese App aggregiert etwa 3.000 persönliche Daten, die von der Regierung gesammelt werden.

Es gilt, eine digitale Kopie der Bewohner von Shanghai zu erschaffen, die „öffentliche Kreditpunkte“ sammeln können: von „sehr gut“, „gut“ bis „schlecht“ (Stellen Sie sich vor, Ihre Regierung bewertet Sie.).

Nutzer mit einer höheren Punktzahl können Vorteile in Form von Rabatten, niedrigeren Kreditraten, besseren Positionen auf Wartelisten, Reise-Nachlässen und vieles mehr erwerben, während diejenigen mit einer schlechten Punktzahl mit abgelehnten Kreditanträgen oder minderwertigeren Sitzen in Flugzeugen umgehen müssen.

Wird hier der Bestechung Vorschub geleistet?

Wir müssen die transformativen Aspekte der 4IR nutzen, um die Welt zu verändern. Und wir müssen darüber nachdenken, wie wir die möglichen Gefahren konsequent bewältigen. Dies wird eine Herausforderung für Regierungen sein, über die ich in einem meiner nächsten Blogposts schreiben werde.

Zum Weiterlesen können Sie The Golden Age of Innovation (Englisch) hier herunterladen.

Hierüber habe ich auch auf der Enterprise World 2017 gesprochen. Erfahren Sie mehr und lesen sie die Blogposts.

Wie denken Sie über dieses Thema? Ich freue mich über Ihren Kommentar und Ihr Feedback unter diesem Blogpost. Sagen Sie uns auch, über welche Themen Sie hier gerne mehr lesen möchten.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Mark Barrenechea

Mark J. Barrenechea, Chief Executive Officer und Chief Technology Officer von OpenText, ist ein anerkannter und branchenerfahrener Vordenker im Bereich Informationstechnologien. Er hat das erklärte Ziel, Organisationen bei ihrer Transformation zum digitalen Unternehmen zu unterstützen.

Weitere Artikel, die sie interessieren könnten

Close