Die vierte industrielle Revolution

Mit der vierten industriellen Revolution steht uns ein radikaler Umbruch bevor. Viele bisherige Geschäftsmodelle sind mit Industrie 4.0 hinfällig. Neue digitale Modelle müssen erst geschaffen werden. Der deutsche ITK-Branchenverband Bitkom veröffentlichte vor kurzem einen Leitfaden, der Anwendungsfälle neuer Geschäftsmodelle in vier wichtigen Industriezweigen vorstellt. Der Fortschritt schafft aber auch neue Probleme. Juristen müssen sich damit auseinandersetzen, wer für die Fehler selbstlernender Maschinen haftet.

Dabei ist die Digitalisierung gar nicht so neu. Die Erfindung des Computers beflügelte die dritte industrielle Revolution. Digitale Daten begleiten uns seit einigen Jahrzehnten. Die Automatisierung und der Einsatz von Robotern in der Produktion sind vielfach seit Jahren gesetzt. Mobilfunk und Internet entstanden noch im vorigen Jahrtausend. Bleibt die Frage: Was unterscheidet die vierte von der dritten industriellen Revolution? Nun, im Grunde genommen alles.

Die vierte industrielle Revolution ist gekennzeichnet von exponentiellem Denken, wo lineare Lösungen nicht länger ausreichen. Digitale Versionen ersetzen die analogen. Wissen und Erfindungen verstärken sich gegenseitig. Im Endeffekt ist Evolution nur die Neukodierung von Information. Alle Menschen, Kulturen, Branchen und Länder sind betroffen. Jegliche Art von Produktion, Verwaltung, Systemen und Behörden wird sich verändern.

Industrie 4.0 der unbegrenzten Möglichkeiten – und Gefahren

Die Möglichkeiten sind unbegrenzt: schnellere Entwicklung von Prototypen und Markteinführung dank 3D-Druck als Produktionsmethode. Nanotechnologien zur Erforschung von Krankheiten. Mikrofinanzierung mit Beratungsrobotern und hochentwickelten Algorithmen. Effizientere und erschwingliche vernetzte Häuser. Komfortableres und sichereres Reisen mit selbstfahrenden Autos.

Nicht zu vergessen unsere höhere Lebenserwartung und die Verbesserungen in den Bereichen Energie, Materialwissenschaften, Unterhaltung und Verbraucherschutz. Die Liste ist schier endlos. All diese Fortschritte basieren auf der Weiterentwicklung von Künstlicher Intelligenz (KI), maschinellem Lernen, Algorithmen, unendlich großen Datensätzen und Robotik.

Doch auch die Gefahren nehmen zu: Identitätsdiebstahl, Cyberkriminalität, Industriespionage, neue Formen von Konflikten und Kriegen, Enthumanisierung, Vergrößerung der digitalen Kluft, Automatisierungsangst, Radikalisierung und Propaganda (Stichwort „Fake News“).

2016 wurde meine Identität gestohlen. Das bemerkte ich nur, weil das Internal Revenue Service (Steuerbehörde der USA) meine Steuererklärung mit der Begründung zurückwies, ich hätte diese bereits eingereicht. Sechzehn Monate später habe ich immer noch mit den Folgen zu kämpfen.

Die drei zentralen Konzepte der Industrie 4.0

Drei zentrale Konzepte trennen die vierte von der dritten industriellen Revolution: extreme Vernetzung extreme Rechenleistung und extreme Automatisierung.

Extreme Vernetzung

Handys verbinden heute fast fünf Milliarden Menschen (Englisch). Im Jahr 2025 sollen es sechs Milliarden (Englisch) sein. Heute belaufen sich die monatlichen Kosten für ein Smartphone auf 150 US-Dollar. 2025 werden sie 150 US-Dollar im Jahr (Englisch) betragen.

Es fällt nicht schwer, die nach oben strebende Kurve nachzuvollziehen. Die Prognose von einer Billion über das Internet vernetzter Geräte (Maschinen) ist keineswegs Science Fiction. Bei all den Autos, Handys, Häusern, Produktionsmaschinen, Flugzeugen, LKW, Schiffen, Getränkeautomaten usw. kommt schnell einiges zusammen. Sechs Milliarden vernetzte Menschen, eine Billion vernetzte Maschinen – das ist extreme Vernetzung.

Extreme Rechenleistung

Sie können schon jetzt extreme Verarbeitungsleistung von Microsoft Azure oder Amazon Web Services mieten. Quantencomputer und Qubit schaffen noch mehr. Mit der vierten industriellen Revolution werden Quantencomputer zur Norm. Menschen können Computer heute nicht mehr beim Schach besiegen. Der Go-Weltmeister ist ebenfalls ein Computer.

Der AlphaGo von Google ersetzt in diesem Fall das Alphamännchen. Und das ist nicht noch gar nichts im Vergleich zu den Möglichkeiten von Quantencomputern und Qubit. Die Leistung der Quantencomputer hat mittlerweile fast 128 Qubit Verarbeitungskapazität erreicht.

Bei 1.024 Qubit Verarbeitungsleistung könnte ein einziger Quantencomputer alle weltweit existierenden Verschlüsselungscodes beinahe in Echtzeit knacken. Damit würden sofort alle Zugänge geöffnet, von Banken über Tresore und Konten mit persönlichen Daten bis hin zu Waffensystemen. Das Ergebnis wäre eine Welt ohne Zugangsbeschränkungen und Sperren. Das ist extreme Rechenleistung.

Extreme Automation

Extreme Vernetzung und extreme Rechenleistung legen die unendlichen Möglichkeiten für extreme Automatisierung offen. (Fakten werden offen gelegt, nicht geschaffen): kognitive Systeme, KI, maschinelles Lernen, 3D-Druck (für Prothesen, Kleidung und Maschinenteile), Algorithmen und Produktionsmethoden in enormer Skalierbarkeit.

Fünf Milliarden Google-Suchen täglich (Englisch), 200 Millionen Bestellungen pro Tag auf Alibaba (Englisch) und zwei Milliarden Facebook-Nutzer weltweit (Englisch). Automationstechnik wird Autos steuern, Krebs heilen, ganze Belegschaften ersetzen, Versicherungsrisiken reduzieren, Kriege führen und uns unterhalten. Letztendlich entsteht eine neue Spezies empfindungsfähiger Wesen mit künstlichem Bewusstsein. Das ist extreme Automation.

Die vierte industrielle Revolution birgt ein Potenzial für Umwälzungen, die uns noch gar nicht bewusst sind. In meinem nächsten Beitrag werde ich näher darauf eingehen, wie sich das auf Unternehmen auswirkt.

Einen weiteren Artikel zum Thema Industrie 4.0 finden Sie in meinem Blog.

Zum Weiterlesen können Sie The Golden Age of Innovation hier (Englisch) herunterladen.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Mark Barrenechea

Mark J. Barrenechea, Chief Executive Officer und Chief Technology Officer von OpenText, ist ein anerkannter und branchenerfahrener Vordenker im Bereich Informationstechnologien. Er hat das erklärte Ziel, Organisationen bei ihrer Transformation zum digitalen Unternehmen zu unterstützen.

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