Woran werden wir das Goldene Zeitalter bemessen?

„Wir müssen nicht die republikanische oder demokratische Antwort finden, sondern die richtige. Wir dürfen nicht Schuldige für die Fehler der Vergangenheit suchen. Wir müssen selbst die Verantwortung für unsere Zukunft übernehmen.“

– John F. Kennedy

Die digitale Transformation beschränkt sich schon lange nicht mehr allein auf die Wirtschaft und den Berufsalltag. Wie alle industriellen Revolutionen hat auch diese weitreichenden Einfluss auf unser Leben, unsere Gesellschaft und unsere Zukunft.

So fallen in Deutschland bis 2025 geschätzte 1,5 Millionen Arbeitsplätze weg. Dafür entstehen neue Berufsfelder, die Industrie wandelt sich zu einer Industrie 4.0. Diese erfordern neue Kenntnisse und Fähigkeiten und führen damit zu neuen Ausbildungszweigen und Studienrichtungen, wie etwa an der Universität Potsdam.

Je weiter fortgeschritten ein Land im Hinblick auf die Digitalisierung ist, desto schneller und stärker wird es von der digitalen Transformation profitieren.

Viele, heute drängende, Probleme lassen sich mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, Robotern und anderen Technologien lösen – die Industrie 4.0 ist auf dem Vormarsch.

Andere wiederum werden von eben jenen Technologien erst verursacht. Ob nach der vierten industriellen Revolution tatsächlich ein „Goldenes Zeitalter“ anbricht, hängt also ganz davon ab, wie wir unsere neuen Möglichkeiten einsetzen.

Industrie 4.0: Industrielle Revolutionen sind nicht gerecht

Von jeder industriellen Revolution profitieren in der Regel zunächst die Reichen. Alle Umwälzungen sind anfangs gekennzeichnet durch große soziale Ungleichheiten.

In solchen Zweiklassengesellschaften sinken die Lebenserwartung und das allgemeine Vertrauen. Die Gewaltbereitschaft hingegen steigt tendenziell. Die Anzahl der psychischen Erkrankungen und Inhaftierungen nimmt zu. In den USA steht einer von 50 Bürgern unter kommunaler Beobachtung, bekam eine Bewährungsstrafe oder wurde bedingt aus der Haft entlassen. Einer von 50!

Aus heutiger Sicht verläuft die Zukunft nicht für alle gleich. Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt 75 Prozent des gesamten Privatvermögens. Nur acht Personen kontrollieren mehr Vermögenswerte als die ärmsten 3,6 Milliarden Menschen zusammengenommen (Englisch) – das ist die Hälfte der Weltbevölkerung.

Digitale Transformation verursacht reale Probleme

Die Angst vor der Automatisierung und die wachsende digitale Kluft sind real. Hier handelt es sich um die größten moralischen Herausforderungen unserer Zeit. Die Studien sind sich uneins über das Ausmaß der Verwerfungen.

Einige Prognosen liegen am unteren Ende der Skala (25 Prozent). Andere schätzen die Anzahl der durch die Digitalisierung wegfallenden Jobs höher ein (47 Prozent). Alle zeigen jedoch übereinstimmend, dass die Anzahl der arbeitenden Menschen zukünftig sinkt (Englisch), wenn mehr und mehr Arbeitsplätze „wegautomatisiert“ werden.

Die steigende Angst, die wachsende digitale Kluft und die soziale Ungleichheit erzeugen Instabilität und Unsicherheit für Bürger und Staaten und damit einen generellen Zustand der Unruhe.

Diese Unruhe kann sich von innen heraus manifestieren – wie der BREXIT – oder von außen, durch staatlich gestütztes Fehlverhalten, siehe Bankenkrise. Der Wandel ist real und wird sich auf die Arbeitsplätze und die Gleichberechtigung auswirken.

Konflikte und Gesellschaft im Wandel

Der strategische Spielraum für Konflikte verändert sich. Neue Kriegsschauplätze entstehen. In Zukunft werden Kraftwerke nicht mehr bombardiert, sondern abgeschaltet. Führungspersönlichkeiten fallen keinem Attentat mehr zum Opfer, sondern werden durch Propaganda, Datenlecks und Fake News gestürzt.

Einen Vorgeschmack gab der Computerwurm Stuxnet im Iran (Englisch). Hier ließen Hacker die Rechner des iranischen Atomprogramms mitten in der Nacht lautstark „Thunderstruck“ von AC/DC spielen.

Sogar die US-Präsidentschaftswahl 2016 wurde durch derartige Attacken beeinflusst.

Die vierte industrielle Revolution (4IR) betrifft auch unsere Vorstellungen von uns selbst – als Personen und als Spezies. Sie hat unmittelbaren Einfluss auf unsere Identität und unsere Gemeinschaften.

Wie lässt sich ein „Goldenes Zeitalter“ bemessen?

Neben der Transformation aller Branchen, neben den neuen Gewinnern, Verlierern und der Entstehung neuer „Kodak-Momente“, woran bemessen wir unser neues Goldenes Zeitalter der Innovation?

Hier ein paar bescheidene Vorschläge:

Persönliche Verantwortung:

Wir alle müssen persönlich Verantwortung übernehmen und die positive Veränderung vorantreiben. Wir entscheiden und handeln selbst. Jeder von uns muss moralische Verantwortlichkeit zeigen und damit die gemeinsame Zielsetzung der Menschheit vorantreiben, abwechselnd an vorderster Front.

Bildung:

Bildung ist ein entscheidender Faktor. Sie führt zu einem zufriedeneren und stabileren Leben, hebt das Einkommensniveau und fördert den sozialen Ausgleich. Sie sorgt für Unabhängigkeit.

Eine gebildetere Welt ist toleranter, sicherer, friedlicher und natürlich wirtschaftlich erfolgreicher. Bildungsgerechtigkeit wirkt zweigleisig. Sie fördert den beruflichen und akademischen Fortschritt und damit letztendlich die soziale Gleichheit. Die Welt braucht gut ausgebildete Elektriker, Klempner, Dachdecker und Schreiner – ebenso wie Ärzte, Programmierer und Rechtsanwälte.

Jugendsport:

Ich selbst bin das Ergebnis von staatlicher Bildung und Jugendsport. Sport hat einen lebenslangen, positiven Effekt. Sport schafft die Basis für Teamwork, Selbstdisziplin und gesunden Wettbewerb. Jugendliche lernen so, sich von Misserfolgen zu erholen.

Sport hilft Kindern bei der Entwicklung kognitiver und motorischer Fähigkeiten, ist positiver Einfluss und Inspiration und hält die Jugend von der Straße fern. Keine andere Aktivität bietet die Möglichkeit, Kindern so viele positive Eigenschaften zu vermitteln. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen jugendlichen Sportlern und einer erfolgreicheren beruflichen Zukunft.

Doch die sportlichen Aktivitäten der amerikanischen Jugend nehmen ab. Rund 40 Prozent üben regelmäßig einen Mannschaftssport aus (Englisch). Diesen Anteil müssen wir für eine bessere Zukunft deutlich steigern.

Industrie 4.0 – Technologie überall:

Technologie muss zu den ärmsten Bevölkerungsgruppen und in die einkommensschwächsten Länder vordringen. Selbst wenn die Kosten für ein Smartphone und die Nutzung ländlicher Mobilfunknetze auf 150 Dollar pro Jahr sinken würden, wäre das noch zu teuer.

Für viele stellt dieser Betrag bereits einen großen Teil ihres Jahreseinkommens dar. Eine Milliarde Smartphones in Entwicklungsregionen wie Afrika würde nicht nur eine Bevölkerungsgruppe oder ein Land, sondern einen ganzen Kontinent in die vierte industrielle Revolution führen.

Die Menschheit von Armut befreien:

Angesichts der Tatsache, dass weltweit immer noch ein Großteil der Menschheit in Armut lebt, sind technische Annehmlichkeiten bedeutungslos. Um 1.800 lebten 95 Prozent der Weltbevölkerung in Armut.

Heute betrifft Armut immer noch 50 Prozent der Weltbevölkerung (Englisch). Fünfzig Prozent!!! Obwohl das viele als Fortschritt betrachten, bin ich der Meinung, es ginge noch besser. Die größte Ungerechtigkeit auf diesem Planeten ist Armut. Es gibt keinen strukturellen Grund, warum wir die Welt nicht radikal ändern können – und Technologie könnte den Weg dafür ebnen.

Wir bestimmen unsere (digitale) Zukunft

Unser Zeitalter der Innovation wird erst dann zu einem wahrhaft goldenen, wenn wir die Weltbevölkerung noch zu unseren Lebzeiten aus der Armut befreien und den nachhaltigen Kapitalismus vervollkommnen.

Test, Test, eins, zwei, drei. Funktioniert das Mikrophon? Können Sie mich hören?

Ich freue mich, dass Sie mich auf meiner Reise in das Zeitalter der vierten industriellen Revolution begleitet haben.

Erfahren Sie mehr über das Goldene Zeitalter der Innovation (Englisch) und die digitale Transformation.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt.

Mark Barrenechea

Mark J. Barrenechea, Chief Executive Officer und Chief Technology Officer von OpenText, ist ein anerkannter und branchenerfahrener Vordenker im Bereich Informationstechnologien. Er hat das erklärte Ziel, Organisationen bei ihrer Transformation zum digitalen Unternehmen zu unterstützen.

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